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Pressespiegel Uraufführung Weiss-Requiem


Neue Presse, Hannover

Uraufführung: Weiss' bewegendes Requiem

Hannover. Es zieht ihn immer wieder an seine alte Wirkungsstätte zurück. Harald Weiss, Komponist und Arrangeur, hat in Hannover studiert und einiges uraufgeführt: "Amandas Traum" in der Oper, "Das Gespenst" im Ballhof, "Ade" im Alten Magazin. Und jetzt wieder eine Uraufführung - beinahe, denn etliche Teile seines Requiems erklangen bereits im Sommer auf dem Kirchentag. Das tat dem Jubel keine Abbruch, nachdem die letzten Töne im ausverkauften Großen Sendesaal verklungen waren. Jubel vor allem für den Knabenchor unter seinem Chef Jörg Breiding. Die rund 100 "Knaben" bewiesen über fast zwei Stunden einmal mehr ihre hervorrragende Klangkultur - pointiert begleitet von der Radiophilharmonie des NDR.

Im ersten Teil "Schwarz vor Augen..." trifft man viele alte Bekannte: Bachreminiszenzen im Orchester, die leichte Schräge Hugo Diestlers im Chorsatz, das magische Dunkel des Brahmsschen Requiems, die Paukenattacken des Verdischen, auch Orff schaut um die Ecke.

Im zweiten Teil "...und es ward Licht" findet Weiss zu einer einheitlicheren Tonsprache. In eindringlichen Akkordwiederholungen ergeben sich berührende Abschiedsszenen, starre Beschwörungen des Leids lösen sich in leise pulsierenden Trost. Abschiedsklagen auch in den solistischen Partien: Dorothee Mields mit silbern timbrierten klarem Sopran und Andreaa Karasiak mit hell-leichtem Oratorientenor. Besonders gelungen die Textkombination: Eichendorff, Rilke, Hesse, liturgische Worte und Eigenproduktionen - eindringlich und bitter. Wie die Totenklage des gestopften Flügelhorns - ein Käuzchenruf, fast eine Verlockung, aber auch Trauer.
Erst nach langem Schweigen brandete der Beifall auf.

(Günter Heiss, 2.11.2009)

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Hannoversche Allgemeine:
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Knabenchor Hannover überzeugt mit seiner Uraufführung

Ausdrucksstark, voller Emotionen: Der Knabenchor Hannover überzeugt mit seiner Uraufführung des „Requiems“ von Harald Weiss.

Wenn der Tod so leicht und schwerelos ist, so klar und friedlich, wie ihn sich der Komponist Harald Weiss in seinem „Requiem“ von 2008/2009 erdacht hat, dann brauchen wir wohl nicht so viel Angst vor ihm zu haben. Die Totenmusik des 60-jährigen Komponisten, der in Hannover an der Musikhochschule studiert hat und dort von 1973 bis 1983 einen Lehrauftrag innehatte, wurde am Sonnabend vom hannoverschen Knabenchor (dem es auch gewidmet ist) im Großen NDR-Sendesaal uraufgeführt. Teile waren zuvor schon beim diesjährigen Bremer Kirchentag zu hören gewesen.

Klangvoll: Der Knabenchor Hannover und Dirigent Jörg Breiding bei der Einspielprobe.
Klangvoll: Der Knabenchor Hannover und Dirigent Jörg Breiding
bei der Einspielprobe. © Jana Striewe

Weiss’ „Requiem“ für Sopran, Tenor, Knabensopran, gemischten Chor, Flügelhorn und Kammerorchester ist ein Werk, das seinem Thema mit Ernst und Respekt und zugleich mit großer Bescheidenheit begegnet. Es kündet erstaunlich selten von Leid und Schmerz und lebt von der Sehnsucht nach schlichten, berührenden Melodien und von der tot geglaubten Kraft der Tonalität.

Weiss schreibt in einer Art Vorwort zu seiner Partitur, dass er als junger Musiker Anhänger der komplexen Kompositionsmethoden der Neuen Musik, der seriellen Musik, der Minimal Music und der Aleatorik, gewesen sei. Seit er seinen Wohnsitz nach Spanien verlegt und zum Teil jahrelange Reisen nach Indien, Afrika und Südamerika gemacht hatte, habe ihn aber eine bis dahin ungekannte Sehnsucht nach den Traditionen des Abendlandes ergriffen. Behutsam wolle er sie wieder aufgreifen und entblättern, schreibt Weiss, dessen Opern „Amandas Traum“ und „Das Gespenst“ auch schon in Hannover zu hören waren. Liebhaber der Moderne, von Werken eines Lachenmann, Ligeti oder auch eines Hans Werner Henze, mussten am Sonnabend im Großen NDR-Sendesaal erst einmal schlucken, dass hier jemand die Errungenschaften der Neuen Musik nahezu komplett ignoriert. Akzeptierte man das, konnte man eine Musik genießen, die zwar klingt, als sei sie aus der Zeit gefallen, die aber wegen ihrer Schlichtheit und Ehrlichkeit für sich einnimmt und (neben manchen allzu süßlichen romantischen Klischees) auch viele berührende Momente enthält.

Vor allem im zweiten Teil, besonders in den beiden Schlussstücken „Lux ­aeterna“ und „Sanctus/Dies Irae-Offertorium“, zeigt sich, was Weiss’ Handschrift ausmacht – und ein gangbarer Weg abseits der Avantgarde ist. Der auf Mallorca lebende Komponist kombiniert hier sehr dezent verschiedene Stile. Er mischt romantische Harmonien mit pulsierenden Rhythmen, wie man sie aus der Minimal Music eines Steve Reich kennt. Asiatische Gongs erklingen, dazu ist wie von Ferne ein Flügelhorn zu hören. Es wird teilweise mit Dämpfer gespielt und erinnert an die Jazzmusik der zwanziger Jahre. Über allem schwebt die Stimme der an Alter Musik geschulten, überragenden Sopranistin Dorothee Mields: strahlend, ungeheuer klar, sehr intensiv; unauffälliger, aber auch klangschön: Tenor Andreas Karasiak.

Stimmlich beweglich und sehr ausdrucksstark fügt sich der Knabenchor in dieses fein austarierte Klanggemisch aus verschiedenen Welten. Die Sänger unter Jörg Breiding singen anrührend über den Tod und füllen auch schwierige Vortragsbezeichnungen – „wie ein stiller See“, „wie hinter einem Schallvorhang“ oder „wie ständiges Schweben“ – sehr überzeugend mit Leben. Viel Applaus.

(Jutta Rinas, 1.11.2009)

1.10.2010: Veröffentlichung des Live-Mitschnittes der Uraufführung als Doppel-CD!