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Lesen Sie hier die neue Ausgabe des KNABENCHOR HANNOVER CHORMAGAZIN.

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Michael Praetorius Michaelisvesper


Knabensolisten des KNABENCHOR HANNOVER
Henning Voss, Altus
Hans Jörg Mammel, Tenor
Nils Ole Peters, Bariton
Michael Jäckel, Bass
KNABENCHOR HANNOVER
Hille Perl und das Gambenconsort Sirius Viols
Lee Santana und der Bremer Lautten Chor
Johann Rosenmüller Ensemble
Leitung: Jörg Breiding

Der Michaelistag, der Tag des Erzengels Michael und aller anderen Engel, der jährlich am 29. September begangenen wird, galt lange Zeit als hohes Fest im Kirchenjahr, für das immer außergewöhnlich hoher Aufwand betrieben worden ist. Nicht nur in großen Kirchen, die über stark besetzte Chöre verfügten, sondern auch in kleinen Stiftskirchen und Landgemeinden wurde dieser Tag feierlich begangen. Neben dem gewöhnlichen Gottesdienste war das Abendgebet, die Vesper, ein bevorzugter Platz eine entsprechende feierliche Musik zu präsentieren.

Der KNABENCHOR HANNOVER hat in Zusammenarbeit mit dem Michael Praetorius Collegium Wolfenbüttel eine musikalische Vesper konstruiert, so wie Michael Praetorius sie in seinen Schriften dargestellt hat, diese aber zu seinen Lebzeiten niemals aufgeführt worden war. Michael Praetorius (1571–1621) war zu seiner Zeit der bedeutendste Kirchenkomponist und Musiktheoretiker und ist zudem der einzige Komponist, der in Niedersachsen einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Sein umfangreiches Werk wurde schon früh zum Grundrepertoire für die lutherische Kirche in Norddeutschland.

Am 21. September 2008 erklingt erstmalig diese „Wolfenbütteler Michaelisvesper“ am Originalschauplatz in der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in historischer Aufführungspraxis.


Die Michaelisvesper

Im Rahmen von Michael Praetorius' Vesper-Ordnung, die Eingang in das Evangelische Kirchengesangbuch gefunden hat, haben das Praetorius Collegium Wolfenbüttel und der KNABENCHOR HANNOVER eine musikalische Vesper ausschließlich mit Werken von Praetorius zusammengestellt, die nur aus Kompositionen im Stil der „neuen italienischen Concerten- Manier“ besteht.

Innerhalb dieser Vesper werden Werke aus Praetorius’ Sammlung „Polyhymniae Caduceatrix“ aus dem Jahr 1616 aufgeführt. Der Hymnus stammt aus der Liturgie der Vesper zum Michaelistag. Auf der Grundlage von protestantischen Kirchenliedern hat Praetorius aus 40 Chorälen Choralkonzerte geschaffen, die im Stil der „neuen italienischen Concerten-Manier“ komponiert sind. Das Besondere an diesen Vertonungen ist, dass Praetorius diese speziell den „Capellknaben“ zugedacht hat. Diese kleinen geistlichen Konzerte über lateinische und deutsche Psalm- bzw. Kirchenliedtexte sind für zwei bis vier Vokalstimmen und vier Instrumentalstimmen mit Generalbass gesetzt. Zu der Sammlung Polyhymnia zählt auch der Band „Puericinium“, der Kompositionen für vier Solo-Knaben, vierstimmigen Capellchor, obligate Instrumente und Generalbass enthält. Diese Art der Konzerte hat Praetorius aus dem alten Brauch des Quempas-Singens entwickelt, die er selbst so beschreibt: „In dieser Andern Art / müssen vier Knaben / an vier absonderliche Orter in der Kirchen gegeneinander vber / oder wohin es sich füglich schicken will / gestellet werden….“ Gemäß dieser, im frühen 17. Jahrhunderten modern gewordenen, „neuen“ Musizierpraxis, führt der KNABENCHOR HANNOVER diese Michaelisvesper nach Praetorius auf.


Michael Praetorius: Wegbereiter des neuen italienischen Stils im protestantischen Deutschland


Praetorius’ kompositorisches Schaffen ist von besonderer Bedeutung für die protestantische Kirchenmusik in der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg. In der Zeit des Übergangs von der Renaissancemusik zum Frühbarock gilt Praetorius, der den neuen musikalischen Entwicklungen äußerst interessiert gegenüber steht, als Wegbereiter des neuen italienischen Stils. Auch als Musiktheoretiker kommt Praetorius eine herausragende Bedeutung zu, stellt er an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert das musiktheoretische Wissen und die Musikpraxis dieser Zeit in seiner mehrbändigen Abhandlung „Syntagma musicum“ dar, die damit die bedeutendste Quelle zur Aufführungspraxis der deutschen Musik des Frühbarocks ist. In den Diensten als Kapellmeister des Herzogs Heinrich Julius von Braunschweig-Lüneburg legte er ein umfangreiches Repertoire für die herzogliche Hofkapelle an, das den Bedürfnissen und dem Geschmack seiner Zeit entsprach. Dabei war Praetorius bestrebt, neue musikalische Errungenschaften, vornehmlich aus Italien, in eine der Reformation entsprechende Sprache umzusetzen. Auch unter theologischen Gesichtspunkten nimmt Praetorius’ Schaffen einen besonderen Rang ein: In seinem neunteiligen Werk „Musae Sioniae" (ab 1605) verarbeitet er in fast allen Kompositionen evangelische Kirchengesänge oder vorreformatorische cantus firmi.

Praetorius wurde als Sohn des lutherischen Pfarrers Michael Schulteis geboren. Nach dem Besuch der Torgauer Lateinschule, beginnt er ein Theologiestudium in Frankfurt/Oder. Nach dem Tod seines Bruders übernimmt er im Jahre 1687 dessen Organistenstelle in Frankfurt/Oder. Nach kurzer Zeit tritt er als Organist in Wolfenbüttel in die Dienste des Fürsten Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel und erhielt dafür im Jahr 1604 den Titel eines Hofkapellmeisters. Als Hoforganist war er hier auch an der 1596 fertig gestellten Gröninger Schlossorgel tätig. Ehrenhalber wurde er zum Prior des Klosters zu Ringelheim ernannt, allerdings ohne Residenzverpflichtung. Nach dem Tod seines fürstlichen Dienstherren im Jahr 1613 begann Praetorius eine rege Reisetätigkeit, oft als musikalischer Berater. Von 1613-1616 stand der Komponist in Diensten von Johann Georg von Sachsen am Dresdner Hof. Nach dieser Zeit kehrte er nach Wolfenbüttel zurück, wo er fünf Jahre später als wohlhabender Mann verstarb und in der Marienkirche beigesetzt wurde.

Praetorius heute

Das Land Niedersachsen verleiht in jedem Jahr den „Praetorius Preis“ für herausragende niedersächsische Musiker. So wurde eine der größten Musikerpersönlichkeiten, der ein Gespür für musikalische Weiterentwicklungen hatte, zum Namensgeber dieser niedersächsischen Auszeichnung. Die Michael-Praetorius-Gesellschaft in Creuzburg und das Michael Praetorius Collegium Wolfenbüttel sind um die Erforschung und Publikation des umfangreichen musikalischen und musiktheoretischen Schaffens bemüht. Ausstellungen, CD-Einspielungen und wissenschaftliche Publikationen belegen die Bedeutung von Michael Praetorius.