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300 Jahre Personalunion



300. Jubiläum der Personalunion

Ein historisches Konzert für Georg I.


Krönungen waren und sind ein Zusammenspiel von sakralem, politischem und gesellschaftlichem Ausdruck. Sie bewegen die Menschen, selbst wenn sie nicht monarchistisch, nicht kirchlich eingestellt sind, nicht der gehobenen Gesellschaft angehören – Krönungen haben etwas Archaisches, und wohl in fast jedem Menschen ist die Krönung als Begriff durch Märchen verankert. Diese Erfahrungen sammeln wir in der Kindheit, und sie verlassen uns in ihrem Subtext nie. Auch darin liegt die Faszination begründet, die von Krönungen ausgeht und die nicht zuletzt das Projekt des KNABENCHOR HANNOVER und des Ensembles Musica Alta Ripa so außergewöhnlich und interessant macht: In der Krönungsmusik für König Georg I. wird rekonstruiert, was vor dreihundert Jahren erklang, als der Welfe den englischen Thron bestieg; er begründete die Dynastie des Hauses Hannover, die in Hannover bis 1866 und in Großbritannien bis 1901 regierte. Und da es sich 300 Jahre später strenggenommen noch immer um ein deutsch-englisches Projekt handelt, hat Jörg Breiding einen großen organisatorischen Aufwand betrieben, um auch Musiker aus Großbritannien an dieser Zeremonie zu beteiligen. Die Mühe hat sich gelohnt, denn es ist ihm gelungen, das weltberühmte Hilliard Ensemble für die Premiere am 15. Mai 2014 und das zweite Konzert am 17. Mai 2014 zu engagieren. Da das Ensemble sich Ende des Jahres 2014 auflösen wird, sind es mit ziemlicher Sicherheit die letzten Konzerte der Sänger in Hannover.

Das Publikum wird an der Zeremonie beteiligt, denn die Aufführung der Krönungsmusik für Georg I. nach 300 Jahren möchte einen möglichst authentischen Eindruck vermitteln. Dazu gehört auch eine Bewegungschoreografie des festlichen Einzugs vom Chor, von den Solisten und den Instrumentalisten; sie orientiert sich an einer Dramaturgie, wie sie damals für Krönungen üblich war. Das Publikum, das 1714 in Westminster Abbey der Krönung beiwohnte, übernahm eine Art Zeugenschaft für den gesamten feierlichen Akt. Und um diese Zeugenschaft wiederzubeleben, wird der Schauspieler Stefan Wiefel in den Konzerten des Knabenchors die Rolle eines Kommentators übernehmen und das Publikum auf einer spannende Reise in das Jahr 1714 begleiten. Auf diese Weise haben die Zuhörer der modernen Zeit nicht nur einen Zugang zur Musik, sondern auch zum Verlauf der Krönung, die ihren Höhepunkt im Aufsetzen der Krone findet.

Wie nun ist es gelungen, den Ablauf der Krönungszeremonie zu rekonstruieren? Der Musiker und Musikwissenschaftler Arno Paduch hat aufwändig recherchiert; in detektivischer Detailarbeit hat er aus originalen Quellen, wie sie beispielsweise in der British Library bewahrt werden, die Mosaiksteine zusammengetragen. Eine kleine Kostprobe: Der Ertzbischof vor dem Altar stehend nahm die Krone:/ genannt König Eduards Krohne:/ in die Hände, legte sie wieder nieder auf den Altar und sprach: O Gott du Heyland und Erlöser denen die dir getreulich dienen etc. nach Endigung dieses Gebeths gieng der Ertzbischof nebst den Bischöfen zu dem Könige welcher in seinem Stuhl saß, der Decanus von Westminster brachte die Krohne, und der Ertzbischof nahm sie von ihm und setzte sie gantz ehrerbietig auf des Königs Haubt.

Auf der Grundlage der historischen Quellen ging auch die Auswahl der Musikstücke hervor. Dabei stellte sich heraus, dass die Liturgie des gesamten Krönungsablaufs damals rund vier Stunden dauerte. Das erschien Jörg Breiding und Arno Paduch bei aller Begeisterung für die Sache dann doch zu lang, um das Publikum auf harten Kirchenbänken oder Stühlen zu halten. Der Extrakt aus dem historischen Ablauf dauert rund 80 Minuten und präsentiert die wichtigsten Stationen der Krönung. Die Musik der Zeremonie stammt von namhaften englischen Komponisten der damaligen Zeit: Henry Purcell, William Turner und Thomas Tallis, um die bekanntesten zu nennen. Die einzelnen Kompositionen sind Teile der anglikanischen Liturgie. Es handelt sich überwiegend um Musikstücke aus vorhergegangenen Krönungen, man hatte sie also schon damals praktischerweise „wiederverwertet“. Der Ablauf vom Einzug über die vorbereitenden Schritte zur Krönung bis zum feierlichen Auszug gliedert sich in zwanzig Abschnitte. 1714 folgte dann noch ein Krönungsmahl – nach vier Stunden durchaus verständlich.

Mit diesem Chorprojekt beteiligt sich der KNABENCHOR HANNOVER an den Feierlichkeiten zum 300. Jubiläum der Personalunion. Das große Interesse an dem besonderen Konzertformat zeigt sich auch darin, dass der Chor zu den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen, den Händel-Festspielen Halle und zu den Niedersächsischen Musiktagen 2014 eingeladen ist. Das Hilliard Ensemble aber wird nur in Hannover singen – festlicher Veranstaltungsort ist die Marktkirche St. Georgii et Jacobi.

Ulrike Brenning


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